
Es kann so viel schief gehen, wenn sich eine Band nach einem umjubelten Debüt ans zweite Album macht. Versucht man etwas ganz anderes als beim ersten Mal, kommt einem womöglich die gerade mühsam erspielte Hörerschaft abhanden. Macht man genau da weiter, wo man aufgehört hat, heißt es, man wiederhole sich. Und Bands, die den goldenen Mittelweg suchen, enden oft mit einem Zweitwerk, das weder Fisch noch Fleisch ist. Solche Platten werden dann gern "Übergangsalben" genannt. Solche Platten ernten vielleicht Respekt, geliebt werden sie eher selten.
Man kann aber auch viel richtig machen, wenn man nach einem gefeierten Debüt mit wehenden Fahnen zu den erwartungsfrohen Fans zurückkehrt. So wie Vampire Weekend: Die haben ihre Musik von Anfang an als einen so mühelosen Spaziergang durch Stile und Genres begriffen, dass sie das Bermudadreieck aus eigenem Anspruch und großem Erwartungsdruck ganz entspannt umsegeln konnten.
Die perfekte Verknüpfung von gestern, heute und morgen

Mit "Contra" knüpfen Vampire Weekend umstandslos an ein Debüt an, das sie 2008 über Nacht zu Everbody's Darling gemacht hat: Sie schütteln jede Menge heitere Hüpfsongs aus dem Ärmel, die es ohne Probleme mit Hits wie "A-Punk" und "Campus" aufnehmen können. Andererseits arbeiten sie an einem vielschichtigen Klang- kosmos, der die engen Bahnen des Indierock in alle Himmelsrichtungen ausdehnt und eine globale Popmusik entwirft, die perfekt den Geist der Zeit widerspiegelt, ohne sich irgendeinem Zeitgeist zu unterwerfen.
"Contra" weckt einmal mehr Afrobeat-Assoziationen und wird - wie der Vorgänger - sicher wieder mit Paul Simons "Graceland" verglichen werden. Aber Vampire Weekend fügen ihren immer komplexeren Arrangements auf ihrem zweiten Album auch immer mehr elektronische Elemente hinzu. Sie spielen mit Samples und suchen in ihren Songs beharrlich die Brüche, die Reibung, die einem beim Hören keine Ruhe lässt.
Ein farbenprächtiger Start ins neue Jahr

Søren Solkær Starbird
Wo soll's denn hingehen, die Herren? Hoch hinaus? Solang dabei nicht der bandinterne Sinn für Humor verloren geht - gerne!
Man kann sich nicht satt hören an "Contra" - obwohl das Album mit zehn Songs in knapp 40 Minuten genauso kompakt geraten ist, wie Vampire Weekend Gott sei Dank immer waren. Und genau im richtigen Moment kommt ein Knaller wie "Cousins", der einem das Stillsitzen so richtig schwer macht.
Die Referenzen, die die Band nicht ohne Augenzwinkern mit dem neuen Album mitliefert, lesen sich wie ein Hirngespinst aus Tausendundeiner Welt: Third Wave Ska, The Hallelujah Chicken Run Band, Brazilian Baile Funk, Congolese Thumb Pianos, Sublimes "40 Oz To Freedom", Reggaeton, Bollywood, Philip Roth, Beethoven, Dancehall und die Beastie Boys. Wer hier den Eindruck hat, nur die Hälfte zu verstehen, sollte sich keine Sorgen machen: Vampire Weekend machen auch auf ihrem gar nicht schwierigen zweiten Album einen unterhaltsamen Trip aus all dem Ideenreichtum, der das neue Jahrzehnt farbenprächtiger eröffnet, als man es je zu hoffen gewagt hätte.
























